19 Oktober 2026

Der Weg in Farbe


Iago Eireos Mural Camiño en cor

Das Wandgemälde Camiño en cor (2025) – galicisch der Weg in Farbe – ist eine sehr junge Arbeit des aus Lugo stammenden Künstlers Iago Eireos, dessen Werk sich durch die Verbindung unterschiedlicher bildnerischer Ausdrucksformen auszeichnet. Als Maler, Fotograf und Konzeptkünstler bewegt er sich auf der Schnittstelle zwischen Abbildung und Abstraktion, zwischen sichtbarer Wirklichkeit und ihrer subjektiven Wahrnehmung. Im Zentrum seiner Kunst steht die Frage, wie Bilder entstehen, sich verändern und in unserer Wahrnehmung weiterleben. Seine Arbeiten sind weniger als unmittelbare Wiedergabe der Wirklichkeit zu verstehen, sondern vielmehr als Versuche, deren verborgene Schichten freizulegen. Ihn interessiert besonders das Verhältnis von Licht und Schatten, von Präsenz und Abwesenheit sowie von Sichtbarem und Unsichtbarem. Auf diese Weise entsteht eine Bildwelt, in der fotografische Wirklichkeit und malerische Freiheit ineinander übergehen. Seine Bilder erscheinen stellenweise wie Spuren einer Erinnerung: Konturen verschwimmen, Formen lösen sich auf, und unterschiedliche Bildebenen überlagern sich. Was zunächst abstrakt wirkt, enthält zugleich Fragmente einer konkreten Welt. Schatten nehmen in seinem Werk eine besondere Stellung ein. Sie sind nicht bloß das Ergebnis eines Lichteinfalls, sondern werden zu eigenständigen bildnerischen Elementen, die auf Vergänglichkeit, Veränderung und die Grenzen unserer Wahrnehmung verweisen. Auch in seiner Auseinandersetzung mit Landschaft und Identität bleibt er nicht auf die Darstellung äußerer Erscheinungen beschränkt. Raum wird nicht als unveränderliche Kulisse verstanden, sondern als etwas, das durch Erinnerung, persönliche Erfahrung und menschliche Eingriffe geprägt ist. Landschaft erscheint als ein Zusammenspiel aus materieller Wirklichkeit und subjektiver Deutung. So entsteht eine Kunst, die weniger auf spektakuläre Effekte als auf die Intensität des Wahrnehmens setzt. Eireos macht sichtbar, dass Wirklichkeit niemals nur aus dem besteht, was sich eindeutig erkennen lässt.

Eireos Wandbild – ungefähr 25 × 15 Meter (375 m²) – nimmt die frei liegende Seitenwand eines Hauses an der Rúa Primavera 38 in Lugo, an der Ecke zum Carril das Hortas, ein. Sein Mural entstand im August 2025 und empfängt die Pilgernden auf dem Camiño Primitivo – dem ältesten der Jakobswege nach Santiago de Compostela – bevor sie durch die Porta de San Pedro ou Toledana die Stadt betreten. Die Stadt Lugo ließ die zuvor eher unscheinbare Brandwand im Rahmen ihrer Förderung von Urban Art (Culturban) gestalten. Kurz nach seiner Fertigstellung geriet das Mural in einen Denkmalschutz-Konflikt: Die Xunta de Galicia leitete noch im gleichen Jahr ein Verfahren ein, weil sich die Rúa Primavera im geschützten Umfeld des Camino Primitivo befindet und für die Arbeiten offenbar vorher keine entsprechende Genehmigung der Denkmalbehörde eingeholt worden war. Es ging dabei nicht um den Inhalt des Murals, sondern um die Frage der erforderlichen Genehmigung im geschützten Bereich des Jakobswegs. Dennoch unterstrichen der stellvertretende Bürgermeister von Lugo, Rubén Arroxo, und die Stadträtin für Kultur, Tourismus und Sprachförderung, Maite Ferreiro, während ihres Besuchs im August 2025 am soeben fertiggestellten Wandbild, die Bedeutung dieses Projekts für die Stadt (la relevancia de esta intervención para la ciudad), das den städtischen Raum transformiert. Ferreiro betonte ausdrücklich, dass dadurch die Zahl der umgestalteten städtischen Orte wächst und ein zuvor kaum beachteter Bereich mit Leben und Farbe gefüllt wird (el número de espacios urbanos transformados y se llena de vida y color un lugar antes poco visible), nämlich der Zugang der Stadt am Camino Primitivo (transforma la entrada a Lugo a través del Camino Primitivo). Mit dem Mural Camiño en cor festigt Lugo seinen Ruf als urbanes Labor für zeitgenössisches Schaffen. Das Werk verbindet die Tradition des Jakobswegs mit einer künstlerischen Sprache, die Malerei und Skulptur vereint, lädt dazu ein, den öffentlichen Raum neu zu denken sowie dem Jakobsweg mit einem frischen Blick zu begegnen. Entfernt wurde Eireos' Wandgemälde bis heute jedenfalls nicht.1

Die Grundidee des Murals besteht in der Vorstellung, dass der äußere Weg – der physische Makrokosmos – und der innere Weg – der innerpsychische Mikrokosmos – die Ganzheit der menschlichen Existenz symbolisiert. Das zentrale Motiv, eine weiß dargestellte Frau die einen Rucksack trägt, ist so präsent positioniert, dass sie unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie kommt auf den Betrachter zu, fixiert ihn beinahe entschlossen. Wegen der Position des Murals am Camino Primitivo ist die Frau unzweifelhaft eine Pilgerin; nicht einfach eine beliebige Wanderin oder Rucksacktouristin. Als Pilgerin auf einem der zahlreichen Caminos de Santiago geht sie den äußeren, physischen und den inneren, spirituellen Weg. Die offizielle Beschreibung des Projekts formuliert ausdrücklich beide Ebenen: den äußeren Weg, also das tatsächliche Gehen nach Santiago, und den inneren Weg, der jedem Pilgernden allein gehört. Auf diese Weise entsteht die dynamische Spannung, die die weiße Gestalt ausstrahlt: Der Körper bewegt sich durch eine reale Landschaft, die durch ihre expressive Farbigkeit in eine spirituell-emotionale Landschaft transformiert wird. Die offizielle Beschreibung spricht von einer explosión expresionista de color und von einer emotionalen Interpretation des galicischen Territoriums. Das Ziel der Pilgerin ist nicht wirklich der reale Ort Santiago de Compostela, sondern ihre persönliche Veränderung. Die Entscheidung für eine Frauengestalt als Figur des Murals haben die Projektverantwortlichen bewusst getroffen. Ausdrücklich betonen sie sie damit die Präsenz und Stärke von Frauen auf dem Jakobsweg.2
Eireos gestaltet seine großflächige Malerei durch dreidimensionale Elemente, sodass die Hauswand mit dem Lauf der Sonne während des Tages durch wechselnde Schatten interagiert. Hinter der weißen Figur entfaltet sich die Landschaft expressionistisch in Grün, Gelb, Rot, Violett und Grau. Laut Eireos repräsentieren die Farben die galicische Landschaft – Wiesen, Eichenwälder und den atlantischen Himmel.3 Das auffälligste Gestaltungsmittel des Murals ist allerdings die weiße Farbe der zentralen Figur, die vor der explodierenden Farbigkeit des Hintergrund einen beunruhigenden Kontrast bildet. Nur einerseits greifen die Farben der Landschaft auf ihren Leib über, der sich so in die Landschaft auszudehnen scheint, um nach und nach mit ihr zu verschmelzen.

Das Weiß der Pilgerin löst sie andererseits aus der Farbigkeit der Landschaft heraus. Sie bildet den ruhenden Fokus einer extrem bewegten Umgebung. Auf diese Weise wirkt sie weniger als Teil der Landschaft und stärker als handelnde Person, die ihren eigenen Weg durch diese Landschaft nimmt. Eireos hat weder einen bestimmten Abschnitt des Camino Primitivo noch eine realistische Landschaft gemalt. Er zeigt nicht die physische Bewegung der Pilgerin auf dem Weg, sondern die ungewöhnlich intensive Farbigkeit seines Murals symbolisiert wie sich das Gehen durch Galicien anfühlen kann. Das Grün gehört zu den wichtigsten Farben des Hintergrunds. Grün gibt dem Bild eine relativ klare Zuordnung: die galicischen Wiesen, die prados, die reale Landschaft Galiciens, die Natur, die Vegetation des ländlichen Raums, der grüne Charakter Galiciens. Doch innerhalb der expressionistischen Gesamtwirkung erhält die grüne Farbe eine zweite Funktion: es lässt die Landschaft lebendig und organisch erscheinen. In dieser Landschaft ist der Jakobsweg nicht nur eine historische Route, sondern ein Weg durch eine lebendige Natur.
Eichenwälder beziehungsweise Eichenhaine, die carballeiras, sind für die galicische Landschaft charakteristisch. In Eireos´ Wandgemälde werden sie nicht botanisch-realistisch dargestellt, sondern verschmelzen mit der Vegetation zu farbig abstrakten Formen. Aus einem konkreten Wald wird ein atmosphärisches Landschaftsgefühl. Die Bäume repräsentieren den Ort, die Farben repräsentieren die Erfahrung des Ortes.
Das Grau repräsentiert den atlantischen Himmel. Grau öffnet die Komposition nach oben und ermöglicht die Verbindung zwischen Landschaft und Himmel. Dadurch wird der Camino Primitivo nicht einseitig zu einem engen, physisch abgeschlossenen Weg, sondern gewinnt eine weite, offen spirituelle Dimension. Die graue Zone am oberen Bildrand stellt nicht unbedingt einen naturalistischen Himmel dar. Zusammen mit Violett, Gelb und Orange wird er Teil des großen Farbfeldes: der Himmel als Gefühlsraum. Violett als Variation des Rot, von einem schmalen Streifen Tiefblau begrenzt, wirkt als Farbe der Landschaft befremdlich. Deshalb rückt Violett auch die Landschaft von einer naturalistischen Darstellung ab, macht sie fremdartiger, traumhafter und dadurch auch emotionaler. Gerade Violett symbolisiert den Übergang von der realen galicischen Landschaft zur inneren Landschaft der Pilgerin. In der katholischen Liturgie symbolisiert Violett – in der Adventszeit, der österlichen Fastenzeit und der Liturgie für Verstorbene – Buße, Umkehr, Besinnung und den Übergang von der profanen zur sakralen Sphäre. Als Mischung aus Rot und Blau vereint sie den Ernst der Buße mit der feierlichen Würde des königlichen Purpurs. Unabhängig von der Liturgie ist Violett Farbe der Bischöfe.
Gelb und Rot – Licht, Energie und Bewegung – verleihen die Landschaft Helligkeit, Wärme und Dynamik. Beide Farben akzentuieren den expressiven Kontrast des Murals: das Weiß der Pilgerin, die farbige Landschaft mit ihren warmen Farbakzenten und den kühlen Blau- und Violetttönen. Diese Farbgebung wirkt einer statistischen Landschaft entgegen und betont ein weiteres Mal die Außen-Innen-Dynamik einer Pilgerfahrt – ein visueller Strom hinter der weißen Figur. Das Thema des Jakobwegs wiederholt sich: Alles ist Bewegung.
Die Zeitung La Voz de Galicia fasst die expressionistische Farbigkeit als Regenbogen auf, der Wiesen, Eichen und den Atlantikhimmel evoziert.4 Der Regenbogen erscheint aber nicht einfach als Naturphänomen, er bündelt die unterschiedlichen Landschaftselemente in einer einzigen visuellen Signatur: die komprimierte Landschaft Galiciens beziehungsweise eine emotionale und expressionistische Überhöhung der Landschaft, die Eireos´ Mural in Farbe übersetzt. Sein Wandgemälde übersteigt die Funktion ausschließlich Malerei zu sein: Der Weg tritt durch die Dreidimensionalität der Technik buchstäblich aus der Wand heraus. Wie bereits angedeutet, kombiniert der Künstler die gemalten Flächen mit dreidimensionalen Elementen, die je nach Sonnenstand unterschiedliche optische Wirkungen erzielen. Dieser Effekt führt dazu, dass der Weg sich verändert, und das nicht nur symbolisch. Weil sich die Erscheinung des Murals im Tageslauf tatsächlich unterschiedlich wahrnehmen lässt – morgens andere Schatten als Nachmittags, mittags neue Lichtverhältnisse, abends tiefere Schatten – wird die Sonne zu einem Aspekt des Kunstwerks. Diese ästhetische Strategie spiegelt die Erfahrung des Pilgerns: Ein Weg ist niemals nur eine Linie auf einer Karte. Er ist mit Erlebnissen und Erinnerungen angereichert, verändert sich durch natürliche Atmosphären und persönliche Erfahrungen – das Licht, das Wetter, durch Sonnenstand und Regen, insbesondere durch die eigene Bewegung.

Warum befindet sich das Mural gerade an dieser Stelle Lugos? Ich finde, der Ort ist Teil der Bedeutung. Eireos Wandgemälde ist kein beliebiges Wandbild mit Jakobsweg-Thematik. Es begrüßt die Pilgernden unmittelbar am Weg. So entsteht eine Wechselwirkung zwischen den realen Pilgern, die an der gemalten Pilgerin vorbeigehen, während die Pilgerin auf dem Mural ihnen entgegenzukommen scheint. Auf diese Weise wird der Betrachter selbst Teil der Komposition und übernimmt im Moment des Vorübergehens Position und Rolle der weißen Pilgerfigur, deren fehlende Farbigkeit, die Reinheit, Tod und Übergang symbolisiert: Symbole der Transformation und Metamorphose. So wird der Weg durch Galicien zu einem inneren Weg – und die expressive Landschaft zu einem Ausdruck dessen, was die Pilgernden auf diesem Weg erleben. In diesem Zusammenhang erklärt sich auch der Titel des Murals. Der Weg in Farbe ist kein geografisch kartierter Weg, sondern wird on the road emotional eingefärbt erlebt. Und genau darin liegt der Kontrast des Murals: Die Pilgerin ist weiß und klar konturiert, während die Welt, die hinter ihr liegt bunt, dynamisch und beinahe abstrakt ist. Sie bewegt sich durch eine Welt, die sich ständig verändert, eine Welt, in der der Weg Bewegung und Richtung ist.

Anmerkungen

1 Vgl. dazu die Artikel in LugoXa vom 3. und 8. August 2025: La calle Primavera de Lugo contará con un mural del lucense Iago Eireos. Dieser Artikel dokumentiert den Entstehungsprozess und die Erläuterungen, die bei dem Besuch von Rubén Arroxo und Maite Ferreiro gemeinsam mit Iago Eireos gegeben wurden. Besonders relevant sind die Aussagen zur weißen Pilgerin, zum inneren und äußeren Weg, zur weiblichen Präsenz auf dem Jakobsweg sowie zur expressionistischen Farbgestaltung. Ebenfalls 'Camiño en cor' transforma la entrada a Lugo a través del Camino Primitivo für Äußerungen Eireos zur Bildsymbolik. → Zurück

2 Siehe den Artikel von Campos, Lucía. Iago Eireos, artista urbano: «No solo pintamos paredes en blanco, estamos creando un nuevo imaginario para Lugo» in La Voz de Galicia vom 17 Aug. 2025, in dem sich Iago Eireos selbst zu seinem künstlerischen Ansatz und zu Camiño en cor äußert. Campos beschreibt die weiße Frauengestalt und die dahinterliegende farbige Landschaft als Regenbogen, der Wiesen, Eichen und den Atlantikhimmel evoziert. → Zurück

3 S.a. Uz, Carmen. La Xunta pide explicaciones al Concello de Lugo por los murales de la Rúa Primavera y Recatelo. in El Progreso vom 9. September 2025 für ergänzende Informationen über Standort und technische Ausführung sowie Eireos´ malerische Techniken mit dreidimensionalen Elementen, wodurch sich abhängig vom Sonnenlicht wechselnde Schatten ergeben. → Zurück

4 Siehe den Artikel von García Calvo, Lorena. Un nuevo mural gigante para dar la bienvenida al peregrino en Lugo in La Voz de Galicia vom 8. August 2025. Die Reportage liefert Informationen zu Ort, Größe und Ausführung des Murals und hebt insbesondere die Verbindung von Malerei und dreidimensionalen Elementen mit wechselndem Schattenspiel hervor. → Zurück


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